vergleichen Frauen Kultur Paradigmenwechsel

 

If you want to be a queen, you have to learn to bow to other queens. 

– Guru Jagat –

 

Wer erinnert sich noch an den Mascara-Werbespot aus den 90-ern, in dem mehrere schick angezogene Frauen aus einem opernähnlichen Gebäude treten? Es regnet, einige winken nach Taxis, die vorbeifahren – erfolglos. Eine wird klatschnass von einem durch eine Pfütze fahrenden Auto. Eine Frau schaut selbstbewusst in einen Kosmetikspiegel, blickt zielgerichtet nach vorn, zu einem schönen Mann, in einem Wagen, der für sie anhält. Er hält ihr die Tür auf, andere Frauen kommen zu spät angelaufen. Sie küsst den Mann leidenschaftlich. Daraufhin die durchnässten anderen Frauen mit Zornesfalten auf der Stirn und kreischenden Stimmen, sich in Echos überschlagend, fragen: „Was – was – was hat sie, was ich nicht habe?“ 

Wer von uns kennt sie nicht, diese vergleichenden Seitenblicke auf andere Frauen, mit denen wir abchecken: Ist sie schöner, dünner, kurviger, muskulöser, cooler? Hat sie mehr Geld, mehr Stil, mehr Kinder, mehr Angestellte, mehr Follower? Hat sie etwas, was ich nicht habe? 

Rational wissen wir oft, dass uns das Abchecken weder glücklich macht, noch unsere Beziehungen zu den Frauen verbessert. Doch damit aufhören ist oft gar nicht so leicht. Hast Du schon mal entschieden, jemandem auf Social Media zu entfolgen und Dich dann dabei erwischt, wie Du dann doch schaust, was diejenige tut/sagt/postet? 

In diesem Beitrag erfährst Du, wieso wir das „Abchecken“ unter Frauen nicht von heute auf morgen abstellen können, wie hier jedoch eine tiefere Aufgabe für uns Frauen steckt, die langfristig Heilung in unserer Kultur bringen kann. 

 

Vergleichen? Ich doch nicht, ich bin spirituell

Viele von uns denken, sie würden sich nicht – oder nicht mehr –vergleichen. Gerade in spirituellen Szenen bzw. der Yoga-Welt wird ja oft darüber hinweg gewischt, indem es heißt, „wir sind doch alle gleich und gleich viel wert und haben uns alle lieb“. Das hat zur Folge, das man weniger offen über das Vergleichen spricht. Was nicht heißt, dass es nicht stattfindet. Meine Erfahrung ist, dass in diesen Szenen unter Frauen genauso viel getratscht und gelästert wie woanders. Man schiebt es dann bloß auch schnell wieder bequem unter den Teppich. „Das mache ich ja nicht“. 

Wirklich nicht? 

 

Geht es überhaupt, das Vergleichen abzustellen? 

Ich meine: Nein. Vergleichen erfüllt in der menschlichen Evolutionsbiologie gerade für Frauen eine wichtige Funktion. Frauen konkurrieren miteinander in Attraktivität um die besten Männer für sich zu gewinnen. Wir können es Sexualtrieb, Paarungstrieb oder Überlebenstrieb nennen – weil Männer aufgrund ihrer physischen Stärke Frauen beschützen können. Dass es aktuell nicht politisch korrekt ist, so über Frauen und Männer zu sprechen – geschenkt. Doch wie wir es auch drehen und wenden: diese biologischen Triebe, sind auch im ach so weit entwickelten Zeitalter, ähem, in dem wir uns befinden, in uns als biologische Wesen aktiv. 

Das Paradoxe dabei ist, dass in Mainstream-Medien so viel und so vermeintlich freizügig über Sex geredet wird, wie niemals zuvor. Jegliche Schranken und Tabus, was Geschlechter-Konstellationen oder sexuelle Praktiken angeht, scheinen gefallen zu sein. Doch über die biologischen Triebe und die Polarität von Männlich und Weiblich in der Sexualität zu sprechen, scheint zumindest im Mainstream überhaupt nicht en vogue zu sein – ganz zu Schweigen von körperlicher und emotionaler Heilung und geistiger Entwicklung, die damit möglich werden. Doch das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden. 

Wenn Vergleichen zum Frausein dazugehört, muss es dann jedoch so giftig und schmerzhaft sein, wie in der Mascara-Werbung – die exemplarisch für sämtliche Serien, Filme und Pausenhof-Gespräche steht, die uns als junge Mädchen geprägt haben?

Nein!

 

Zwei Arten des Vergleichens: Evolutionsbiologisch bedingt oder toxisch im Patriarchat?

Ganz wichtig: Wir sprechen hier von zwei Arten des Vergleichens. Die eine ist die evolutionsbiologische Anlage. Dieser ist jedoch noch nicht bereits aus sich heraus „giftig“. Die andere ist das, was die westliche Kultur daraus gemacht hat: Die moderne Stutenbissigkeit, welcher sich die Mascara-Werbung bedient, ist ein Phänomen des Patriarchats. (Anmerkung: „Patriarchat“ bedeutet nicht, dass „die Männer“ sich dies „ausgedacht“ hätten oder pauschal „Schuld“ daran tragen. Das Patriarchat ist ein komplexes, auf Makro- wie Mikoebene wirkenes Gesellschaftssystem, das partikulare Machtinteressen durch Bewertungs-Verschiebungen durchgesetzt haben, mithilfe von Männern wie Frauen. Hier kannst Du mehr dazu lesen, wie uns das Patriarchat noch in den Knochen steckt, hier liest Du, wie Du aus diesen innerlich wirkenden Strukturen aktiv aussteigst.). 

Damit, dass Frauen – etwa im alten Griechenland, wie auch im antiken Rom, oder, noch extremer im viktorianischen England  aus dem öffentlichen Leben und politischem Wirken immer mehr ausgeschlossen wurden, standen sie immer mehr hinter statt neben ihren Männern. Da begann das Vergleichen – ich pauschalisiere –: „Wer hat die schöneren Kleider, das größere Haus, den erfolgreicheren Mann, die strahlenderen Kinder?“

Mode-, Kosmetik- und Lifestyle-Industrie leben bis heute davon. Jedoch auch gesellschaftliche Machtstrukturen. Denn solange Frauen damit beschäftigt sind, zu schauen, wer die glänzenderen Haare, die teureren Handtaschen oder mehr Instagram-Kommentare hat, werden sie dem herrschenden – in der Regel männlich geprägten – Machtsystem nicht gefährlich. Wie praktisch.  

Konkret heißt das auch: Solange Frauen sich auf so eine giftige Art vergleichen, sind sie damit beschäftigt und werden keine Zeit haben für Aktivitäten, mit denen sie wirklich kreativ ihre eigene Kraft in die Welt bringen. Wie auch immer das aussähe – mein Verdacht ist, dass genau diese Kraft der Welt seit Jahrhunderten fehlt. Langsam kommt sie wieder ans Licht. Jedoch nur, wenn wir unseren Teil dazu tun, innerlich wir äußerlich. 

Dann verliert das Vergleichen an Gift. 

 

Die Heilung: Relevante und sichere Gestaltungsräume für Frauen

Wenn es in einer Gesellschaft bedingungslosen Zusammenhalt unter Frauen gibt, der – wichtig – nicht im Abseits stattfindet, sondern politisch relevant ist, kann Vergleichen und Konkurrenz unter Frauen „gesund“ sein und sich natürlich regulieren. 

Wenn ich weiß, dass ich meinen sicheren Platz im Kreis der Frauen habe, egal ob die andere längere Beine oder schönere Haare oder die sinnlicheren Kurven hat, kann ich mich sicher fühlen. Ich kann beginnen, mich in die Schönheit meiner Einzigartigkeit zu entspannen oder beginnen, sie überhaupt erst einmal wertzuschätzen. Im Positiven vielleicht auch inspiriert, zu tun, was andere auch tun und gut für mich als Frau zu sorgen, was auch immer gerade für mich dazu gehört. 

Ein solcher Raum kann bestehen, wenn Frauen gemeinsam gesellschaftlich relevante Entscheidungen treffen, und zwar – und das ist wichtig – nach ihrer eigenen Struktur, nicht nach einer von Männern etablierten Struktur, die einfach kopiert wird, wie wir es in den meisten aktuellen politischen Gremien sehen. Das kann auch gegeben sein, wenn Frauen sich gemeinsam um eine Kinderschar kümmern oder gemeinsam spirituell praktizieren. Entscheidend ist dabei jedoch, dass dies keine „Rand-Aktivität“ ist, sondern vom Außen wie von den Frauen selbst als relevante Aktivität wahrgenommen wird. 

Wenn Karriere für mich den höchsten Stellenwert einnimmt und ich das in einem männlich geprägten Umfeld vor allem auf maskuline Art und Weise tue, und ich mich dann am Wochenende mit Freundinnen zum Serien schauen und Sekt trinken treffe, ist das keine solche Gemeinschaft, weil ich die Berufswelt selbst höher einordne. Ebenso, wenn ich ein Jahr aus meinem Top-Job ausscheide und mich in Elternzeit auf dem Spielplatz mit Frauen zum Kaffeetrinken verabrede: Innerlich stelle ich meine berufliche Identität in einem maskulinen System höher als diese Mütter-Gemeinschaft. 

 

Was der Paradigmen-Shift des Vergleichens uns bringen kann

Ich sehe hier jedoch – zum Glück! – einen Paradigmen-Wechsel: Wenn Frauen gemeinsam Netzwerke aufbauen, in denen ein erfülltes Privatleben und berufliches Wirken einander befeuern anstatt sich zu verhindern, und sich darin gegenseitig unterstützen, kann eine neue, bestärkende Struktur entstehen. Ich sehe das aktuell vor allem bei jüngeren Müttern, die online und selbstständig arbeiten und sich unterstützende Netzwerke on- und offline schaffen – in denen Nicht-Mütter genauso ihren Platz haben.

Ich bin selbst in einigen solcher Netzwerke – eines davon das Kraftfrauen-Programm, das ich seit 2018 hoste – und empfinde sie nicht nur als heilsam und unterstützend, sondern als essentiell für Frauen, um in die eigene Kraft und heraus aus dem giftigen Konkurrenz-Gehabe zu kommen. Hier kann Vergleichen wiederum gesund und inspirierend sein und sich natürlich regulieren – weil so starke Gefühle von Gemeinschaft und Unterstützung bestehen, dass Muster von Mangel – nichts anderes ist „Was hat sie, was ich nicht habe?“ – sich quasi von selbst zersetzen.  

Wie wunderschön!

Ich appelliere also heute: Lasst uns als Frauen dazu stehen, dass es etwas mit uns macht, wenn wir eine Frau sehen, die richtig tolle Sachen macht und dabei vielleicht auch noch toll aussieht. Was wäre, wenn wir nicht zu einer – vielleicht ja auch nur innerlich – fauchenden 90er-Jahre-Furien würden, sondern vom Sofa-Scrollen aufstehen, unsere Krone richten und anfangen UNSER Ding zu machen? Und dabei selbst auch noch toll aussehen?

Lass uns das machen. Die Welt braucht Dich und uns alle in unserer Strahlkraft und Einzigartigkeit. Es ist genug Platz für alle da. 

Rise, Sister, rise. 

Willst Du genau das in einer Community toller Frauen tun? Komm ins Kraftfrauen-Jahresprogramm. 

Nach oben scrollen